Pierre Rottet ist Präsident des Verbands swissRobotics.net Im Interview führt der Robotikexperte aus, in welchen Branchen in den nächsten Jahren verstärkt Robotiklösungen gefragt sind, inwiefern die Industrie 4.0 dabei eine Rolle spielt und welche Trends in Zukunft die Robotik leiten werden.

Pierre Rottet
Präsident Sektion 42 «Robotics & Systeme»
swissRobotics.net
Welche Entwicklungen haben sich in den letzten Jahren in der Robotik in der Schweiz beobachten lassen und wo steht die Schweiz heute?
Was den Automatisierungsgrad in der Industrie betrifft, befindet sich die Schweiz in einem weltweiten Ranking zwar nicht im oberen Drittel, aber immerhin im oberen Mittelfeld. In den letzten Jahren zeichnet sich aber auch in der Schweizer Industrie ab, dass immer häufiger Roboter eingesetzt werden.
Welche Prozesse haben zu dieser Entwicklung geführt?
Warum diese Entwicklung erst jetzt begonnen hat, dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst ist die Schweiz tendenziell kein Massenproduktionsland. Wir haben schöne und hochwertige Produktionen – aber mit kleineren Massgrössen. Die Industrie muss sich erst an die Robotik gewöhnen, und ausserdem braucht es dafür technisches Personal, das sich auch vorstellen kann, was die Robotik überhaupt ausführen soll. Gleichzeitig sehen wir auch, dass sich das wirtschaftliche Umfeld und der wirtschaftliche Druck so ändern, dass es eine immer grössere Bereitschaft in der Industrie gibt, Robotik in ihre Produktion zu integrieren.
Inwiefern unterscheidet sich der Einsatz von Robotiklösungen in den verschiedenen Branchen?
Der grösste Teil von Robotikapplikationen wird heute im Handling verwendet – und zwar branchenunabhängig. Wir stellen fest, dass in der Intralogistik im Bereich Food und in der Pharmabranche gerade eine grosse Entwicklung stattfindet.
Warum ist die Robotik gerade in diesen Branchen in den nächsten Jahren so stark gefragt?
Diese Branchen hatten bislang weniger Robotik und mehr klassische Automatisierungstechnik eingesetzt. Ob Food, Pharma oder Medical – diese Branchen brauchen in Zukunft flexiblere Handlinggeräte. Roboter sind hochflexibel programmierbar. Das ist der grosse Vorteil der Robotik gegenüber klassischen Automatisierungslösungen.
Welche Rolle spielt hier die Industrie 4.0., also die intelligente Vernetzung von Maschinen und Abläufen in der Industrie?
Das spielt eine riesige Rolle! Auf der einen Seite werden Roboter immer intelligenter. So gibt es Roboter, die dank einer integrierten Kamera «Augen» oder dank einer integrierten Sensorik eine «Fühlfunktion» haben. Durch diese intelligentere Ausrüstung können Roboter Entscheidungen selbst treffen. Auf der anderen Seite werden die Bedienungsoberflächen in der Handhabung einfacher. So wird etwa eine leichte Bedienung durch grafisch unterstützte Oberflächen und das Drag-and-Drop-Prinzip ermöglicht – und das ohne Programmierkenntnisse.
Wie ist die aktuelle Situation der Verfügbarkeit von Robotikexpertinnen und -experten in der Schweiz?
In der Schweiz fehlen uns hier Fachkräfte – vor allem im Bereich der Programmierung. Das führt auch zu einer Einschränkung im Einsatz von Robotik in der Industrie. In der Schweiz ist die Robotik nach wie vor eine Nischenbranche. In der Konstruktion ist die Situation weniger dramatisch, aber in der Programmiertechnologie spitzt sich der Fachkräftemangel zu. Das hemmt die Entwicklung leider.
Was kann man gegen diesen Fachkräftemangel tun?
Als Verband engagieren wir uns für technische Schulen und Fachhochschulen. Wir unterstützen diese Institutionen mit gesamten akademischen Robotikpaketen, die wir zum Selbstkostenpreis an die Institutionen verkaufen. So können junge Menschen bereits in ihrer Ausbildung in Kontakt mit der Robotik kommen und dafür begeistert werden. Wir versuchen, diese Technologie stark zu pushen!
Lassen Sie uns zum Abschluss einen Blick in die Zukunft wagen: Welche Innovationen erwarten Sie in den nächsten Jahren in der Industrierobotik?
Ein grosser Trend ist die kollaborative Robotik. Das bedeutet, dass Roboter gemeinsam mit Menschen und ohne Schutzvorkehrungen zwischen ihnen in der Industrie arbeiten. Dieser Trend könnte in den nächsten acht bis zehn Jahren rund 70 Prozent aller Applikationen umfassen. Ein weiterer Trend umfasst die künstliche Intelligenz. Auch diese entwickelt sich ständig weiter. Es ist also vorstellbar, dass in einigen Jahren Roboter ihre eigenen Anwendungen selbst programmieren. Diese beiden grossen Trends, kollaborative Robotik und künstliche Intelligenz, werden sich in den nächsten Jahren sicherlich noch weiter fortsetzen.